Das Leben ist schon seltsam. Da hängt man so in seiner trüben seelischen Sauce und die Lebenskraft scheint dahin zu sein. Mit einem Mal gibt es einen Augenblick der Erkenntnis. Ein einziger Augenblick reicht, um das Ruder herum zu reißen. Oder wäre es unter Umständen besser, man sagt, behutsam herumzudrehen?

 

Es sind Momente, die nachdenklich stimmen,

aufmuntern oder einfach nur zum Innehalten motivieren.

Und genauso ging es mir vor ein paar Tagen.

Hier auf diesem Bild sehen Sie einen Flecken vom Haus, in dem wir wohnen. In diesem Wasserbehälter sammeln wir Regenwasser. Aus irgendwelchen Gründen hat sich eine Distel entschlossen sich dort anzusiedeln.

Ich folgte dem Impuls und ließ die Distel wachsen. Ob es eine Schönheit ist oder nicht, liegt wie immer im Auge des Betrachters. Im Verlaufe der Zeit wurde sie mannshoch. Jedes Mal wenn ich Wasser aus dem Regenfass nehmen wollte, war sie im Weg. Sie störte meinen Bewegungsablauf in einer Art und Weise, als wollte sie zu mir sagen, ich brauche auch etwas.

 

Einer abfälligen Bemerkung zu Trotz

 

Der abfälligen Bemerkung meines Nachbarn zum Trotz, ließ ich sie wachsen. Irgendetwas faszinierte mich daran. Sie wurde groß und kräftig und behinderte mich jedes Mal, wenn ich Wasser für meine Pflanzen holte.

Mein Nachbar gab mir den Hinweis, dass ich auf die Entwicklung der Blüten achten sollte. Es besteht sonst die Gefahr, dass Samen austreiben und in dem Garten immer mehr Disteln wachsen würden. Also entschloss ich mich die Blütenköpfe abzuschneiden. So schön diese Distel für mich auch war, ein einzelnes Exemplar reicht.

Aufgrund der Hitze wurde es im Wasserfass immer weniger und ich kam kaum noch an das Wasser. Ich brauchte einfach mehr Platz und schnitt die Distel kräftig zurück. Ganz entfernen wollte ich sie nicht, denn auch sie hat ein Recht auf Leben.

Vorerst war das Thema für mich erledigt. Zum Einen kam ich besser an das Wasser heran, zum Anderen hatte ich ein ruhiges Gewissen, die Pflanze nicht getötet zu haben.

 

Nun erst recht!

Ich kann nicht mehr sagen, wie lange es dauerte. Doch eines Tages staunte ich nicht schlecht. Ich bemerkte an der Distel neue Triebe. Kräftig und gesund wuchs es an den Seiten, als wollte die Pflanze mir sagen, „nun gerade“!

Fasziniert schaute ich mir die Pflanze etwas näher an. Es war unglaublich. Obwohl ich die Pflanze kräftig zurück geschnitten hatte, behielt sie ihre Lebenskraft und Lebenswillen. Sie schob neue Triebe in die Welt, als wollte sie auf anderen Wegen ihre Existenz sichern.

Ich wurde nachdenklich und der Vergleich zu meinem eigenen Leben drängte sich förmlich auf.

Ich hatte das Bedürfnis diesen Augenblick zu reflektieren. Wie verhalte ich mich bei Schwierigkeiten? Wie oft sinke ich in Verzweiflung und Resignation, wenn es auf einem vorher erdachten Weg nicht weitergeht?

 

Nehmen wir uns an dieser Pflanze ein Beispiel!

 

Nur wenige Menschen nehmen sich die Zeit, die Lebenskraft dieser Pflanze zu bewundern. Bei den meisten Menschen wird sie gescholten und ausgerottet. Nur weil sie nach unseren Maßstäben nicht so schön ist wie eine Rose zum Beispiel, sprechen wir dieser Pflanze doch allzu oft die Existenzberechtigung ab. Und all das nur, weil sie nicht unseren Schönheitsidealen entspricht.

Wie oft stecken wir in Situationen, die nicht unseren Idealvorstellungen entsprechen. Statt die Umstände einfach nur zur Kenntnis zu nehmen und andere Wege zu gehen, verharren wir in Missmut und Resignation. Und diese einfache scheinbar so primitive Pflanze zeigt uns den Weg.

 

Sind wir Menschen tatsächlich die Krönung der Schöpfung?

 

Doch statt unsere intellektuellen Fähigkeiten zu nutzen, scheitern wir immer wieder an elementaren Lebensprinzipien. Wogegen andere Daseinsformen, die wir sonst nicht eines Blickes würdigen, uns zeigen, wie man sinnvoll mit dem Leben umgeht.

Hier zeige ich ein paar Fotos dieser Pflanze. Nach den üblichen Maßstäben ist sie nicht schön, ist Unkraut und muss unbedingt weg. Ich hingegen folgte einem Impuls und widerstand der eingefleischten Gewohnheit, „Ordnung“ zu schaffen.

Als Gegenleistung wurde ich beschenkt mit einem Moment der Erkenntnis.

Jetzt, wo Sie den Text bisher gelesen haben, kann ich Ihnen auch verraten, warum mich dieser Augenblick so ganz besonders berührte. Als ich heute Morgen aufstand, war ich echt mies drauf. In den vergangenen drei Tagen hatten sich Dinge ereignet, die überhaupt nicht meinen Wünschen und Sehnen entsprachen. Ich befand mich am Rande zerstörter Hoffnung. Wie ich damit umgehe, weiß ich immer noch nicht. Nur diese scheinbar unnütze und hässliche Pflanze gab mir den entscheidenden Hinweis. Und es ist mir ein Bedürfnis, diesen Hinweis an Sie weiter zu reichen. Damit verbinde ich die Hoffnung, dass es Ihnen so wie mir danach wesentlich besser geht.

 

Herzlichst Grüße

Ihr Bernd Neuper

Fotos: Bernd Neuper