So wird Stille zur Lebensfreude

Wie geht es Ihnen, wenn es ganz still wird?

Die Antworten schwanken von „Oh, herrlich“ bis „Um Gottes Willen“.

Bei Menschen, die ohne ständiges Gedudel aus dem Radio überhaupt nicht klar kommen, stoße ich häufig auf Unverständnis. Ohne permanente Beschallung können sie sich ihr Leben nicht vorstellen. Mein Nachbar zum Beispiel, hat sich in seinem Auto extra Boxen eingebaut. Als ich ihm erzählte, dass in meinem Auto Stille herrscht, war das für ihn eine Horrorvorstellung.

Spontan fällt mir unsere Hochzeitsreise in den Sinai ein. Es war eine geniale Mischung aus Stille und Abenteuer. Auf dieser Reise erklommen wir auch den 2637 Meter hohen Katharinenberg. Auf dem Weg zum Gipfel fühlte ich mich von den Dauergesprächen der Reisegruppe in der Stille meines Erlebens gestört und erhöhte mein Tempo. Damit war ich stets weit voraus und konnte das Aufstieg auf meine Weise wirken lassen.   

Dieser Aufstieg wurde zum berührenden Erlebnis. Es gab nichts außer Stille und Steine. Nicht einmal ein Vogel war zu hören. Wovon hätte ein Vogel dort auch leben sollen? Trotz oder gerade wegen der Unwirtlichkeit fühlte ich mich von allen Sorgen entlastet. Es gab nur mich, die Stille und den Berg. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich absolute Stille in der Natur.

Uns wurde dieser Aufstieg angeboten, um den Sonnenaufgang und Untergang zu erleben. Es war tatsächlich ein gigantisches Schauspiel. Die absolute Stille, das Farbenspiel und die räumliche Dimension verlieh dem Ganzen die Erhabenheit, die uns schweigen ließ.

In der Stille wirkte das Gequassel wie ein Faustschlag in die Magengrube.

Leider ließen sich zwei Quasselstrippen nicht beeindrucken. Offensichtlich fanden sie keinen Zugang zur Schönheit des Augenblicks. Nur durch die Flucht an einen anderen Ort konnten wir für uns den Moment retten.

Um am nächsten Morgen den Sonnenaufgang zu erleben, mussten wir sehr zeitig aufstehen. Verschlafen und fröstelnd schoben wir uns ca. 4:30 Uhr aus den Schlafsäcken. Mit Taschenlampen bewaffnet und in Decken gehüllt suchte jeder seinen Aussichtspunkt. Schon nach wenigen Minuten hob sich der nächtliche Vorhang und es wurde hell. Von unserem Aussichtspunkt aus überblickten wir das gesamte Gebirge. Ein überirdischer Beleuchter drehte langsam das Licht auf und der Himmel kleidete sich in rosa Schimmer. Aus der Mitte des Lichtes betrat der glutrote Sonnenball als Held des Stückes die Bühne.

Es war gigantisch. In absoluter Stille färbte die aufgehende Sonne das gesamte Sinaigebirge. Kein Lüftchen regte sich. Fasziniert von der Schönheit des Augenblicks verbrachten wir die wahrscheinlich stillsten Momente unserer Ehe.

Warum fällt es vielen Menschen so schwer Stille anzunehmen?

Unsere Welt ist laut. Straßengeräusche, Arbeitslärm, Gespräche, Handyklingeln usw. gestalten eine gesundheitsschädliche Umwelt.  Wer dann das Fernsehen einschaltet um abzuschalten, wird mit den schlimmsten Nachrichten überflutet. Flüchtet man zu einem Spaziergang in die Natur, sind auch dort oftmals Flugzeuglärm oder Ähnliches zu hören.

Wussten Sie, dass auch akustische Reizüberflutung Stress auslöst und die Entstehung von Herzinfarkt und Bluthochdruck begünstigt?

Der Lärm ist allgegenwärtig und wird von vielen Menschen als normal empfunden. Dazu kommt noch die Unstetigkeit unseres Lebensstils. Es muss immer „etwas los“ sein. Wenn nicht irgendwo ein Radio dudelt, nicht ständig das Handy gecheckt werden kann, fühlen die meisten Menschen Stille als beängstigendes Loch. Diese Erscheinung ist nicht neu. Bereits 1908 gründete Theodor Lessing seine Anti-Lärm-Bewegung.

Im Gegensatz dazu gibt es die Menschen, die für Stille sogar bezahlen. Sie fahren viele Kilometer, um mit anderen gemeinsam zu schweigen. Sie fliegen zu anderen Kontinenten, um endlich schweigend massiert zu werden.  

Oftmals wird Stille gefürchtet.

Zum Beispiel nach einer Trennung kann die Stille der Wohnung Angst einflößen, weil sie uns das „Getrennt sein“ bewusst werden lässt. Dies ist auch der Grund, weshalb frisch getrennte Menschen sich in Arbeit stürzen, besonders viel Sport treiben und laute Tanzveranstaltungen besuchen. Die Stille ist dann nicht zu ertragen, denn sie legt unser wahres Wesen offen.

Wann ist es eigentlich still?

Darüber streiten sich die wissenschaftlichen Geister. Das Problem ist, Stille lässt sich nicht quantifizieren. Es ist subjektives Erleben. So wirken flüsternde Worte störend, wenn sie in einem stillen Lesesaal gesprochen werden. Andererseits wirkt das laute monotone Wellengeräusch beruhigend.

Das Problem liegt wohl eher in der Kombination akustischer Überlastung mit dem hektischen Lebensstil.  Hier entwickelte sich ein selbstzerstörerischer Prozess. Wir sehen uns nach Ruhe und gleichzeitig fürchten wir sie.   

Aktionismus, ständig arbeiten, immer gut drauf sein, Energie und  Power ausstrahlen, ist das absurde Ideal unserer Leistungsgesellschaft. Doch sagt der Volksmund nicht ohne Grund, leere Wagen klappern am lautesten. Denn nur wer auch das Gegenteil, die Stille, annehmen kann, ist echt.

Warum halten viele Menschen die Stille nicht aus?

Die Antwort erscheint relativ einfach, weil wir uns dann in aller Ehrlichkeit begegnen. Das heißt, wir schauen der Wahrheit ins Gesicht. In Momenten der Stille begegnen wir dem wahren ICH. Dann kommen Emotionen an die Oberfläche, die man gern in den Keller drückt. Dazu gehören Traurigkeit, Wut und Erschöpfung. Oftmals steigen auch Tränen auf.

Wir haben uns daran gewöhnt, uns selber zu belügen.

Gewohnheitsmäßiger Aktionismus und danach auf Kommando entspannen, Müdigkeit wird mit Powernapping kaschiert und das Selbstwertgefühl wird mit der Illusion aufrecht erhalten, immer gut drauf zu sein. Wir laufen vor uns selber weg. Wir ignorieren das Innen, um im Außen zu funktionieren.

Dann kommt die Stille, nichts lenkt ab. Der Lärm im Außen kann nicht mehr die Wahrheit vertuschen. Obwohl man sich endlich einmal Ruhe und Stille gewünscht hat, ist sie nicht zu ertragen. Der schmerzende Nacken schreit, der Magendruck wird unerträglich und alle Emotionen, die bisher erfolgreich negiert wurden, kommen an die Oberfläche.

Stille für sich entdecken und genießen.

Ganz vorn in der „To Do Liste“ steht die Bereitschaft, sich selbst seine Situation einzugestehen. Wer an seinem Selbstbetrug festhält, wird daran verbrennen.

Die Schönheit der Stille zu entdecken, gleicht einem Abenteuer. Man betritt unbekanntes Terrain, muss neu laufen lernen und das Belebende an den Orten erkennen, die einem bis dato Angst einflößten.

Wie geht das?

In kleinen Schritten und möglichst in Begleitung. Ja, Sie lesen richtig. Um die Stille mit sich selbst auszuhalten, brauchen Sie einen Begleiter. Er mindert die Gefahr des Abgleitens in alte Gewohnheiten. Wobei es  sinnvoll ist, den Weg mit einer fremden Person zu gehen. Die anfängliche Distanz zur fremden Person schafft die bessere Atmosphäre.

Wenn Sie sich sehr schwer tun, Alleinsein und Stille auszuhalten, begnügen Sie sich mit kleinen Schritten.

  • Ändern Sie Ihr Informationsverhalten. Verzichten Sie zumindest zeitweise auf Smartphone, TV und Internet. Lassen Sie morgens das Radio aus und gleiten Sie sanft aus der Stille der Nacht in den Tag.
  • Stellen Sie eine Kerze auf den Tisch und betrachten Sie die Flamme mit der Neugier eines Kleinkindes.
  • Schweigen Sie beim Essen und verzichten Sie auch hier auf alle Medien. Sind Kinder mit im Haushalt, nutzen Sie kleine Mahlzeiten zum Schweigen und Genießen.
  • Setzen Sie sich auf eine Parkbank oder in ein Cafe und lassen Sie das Smartphone zu Hause. Das Gleiche gilt, wenn Sie öffentliche Verkehrsmittel nutzen.
  • Trinken Sie Tee, Kaffee oder Wein, lassen Sie alle Sinne beim Trinken. Schließen Sie dabei die Augen.

Es gibt unglaublich viele kleine Gelegenheiten, Gewohnheiten zu verändern. Entwickeln Sie Ihre eigenen Ideen und lassen Sie diese zum normalen Teil Ihres Lebens werden. Es macht auch Spaß, kleine Erfolge zu notieren.

Über kurz oder lang entwickeln sich daraus stimulierende Gewohnheiten, die Ihre Lebensqualität auf ein wohltuendes Level hebt.

Das Leben ist zu schön, um (es) aufzugeben.

Herzlichst,

Ihr Bernd Neuper

Foto: Bernd Neuper